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Sind Werbetexter kreative Verrückte?

Der Auftrag ist eingetütet, das Briefing über die Bühne. Es ist soweit.

Der perfekte Text muss her: Leser kippt aus den Pantinen. Lagerist kriecht hohlwangig in verstaubten Lagerhallen-Abgründen umher. Umsätze schießen in astronomische Höhen. Ein ganzer Betrieb versinkt in Partylaune.

Erwartungsvoll sortiere ich meine schneeweißen Papierstapel zu einem akkuraten rechten Winkel, malträtiere den Bleistift bis zur Stecknadel-Schärfe, lege die Ohren an, richte die Augen gen Himmel - und warte ... auf die Muse, die sich nun, gleich einer Wolke, auf mein Haupt hinabsenken und mich sanft küssen wird ...
Die empfangene Inspiration fleußt in güldenen Schwaden durch meinen prickelnden, nun sichtbar pulsierenden rechten Arm und ergießt sich als elegantes Buchstaben-Gespinst auf meinen nun nicht mehr schneeweißen aber immer noch 90 Grad akkuraten Papierstapel. Zügig, beinahe wie von Geisterhand, fügen sich Buchstaben und Zeilen zu einem grandiosen Meisterwerk zusammen.

Tief aufatmend lege ich nach dem finalen Schlusspunkt das formvollendete Wortwerk unter die Matratze, schlafe entspannt noch eine tiefe, traumlose Nacht darüber. Am nächsten Morgen dann der bedeutungsschwangere Gang zum Scanner, von royalblauer Tinte zum rasenden Bit . Die Party beim Kunden kann steigen. Wie ist es wirklich?

Waidmanns Heil! Die schweißtreibende Jagd nach Rohdiamanten.

Ernsthaftes Texten ist harte Knochenarbeit. Ich habe ein Produkt oder eine Dienstleistung. Also muss ich dieses Ding kennenlernen. Und zwar gründlich! Recherchieren, bohren, forschen: Was kann es? Was kann es besonders gut? Wie macht es das? Und was kann es gar nicht? Wo hat die Katz` den stinkenden Fisch verbuddelt? Dann ist da eine Zielgruppe, die das Ding kaufen soll. Wer ist dieses unbekannte Wesen da draußen? Wie tickt es, wie spricht es, was will es? Und wieder heißt es ausquetschen, aushorchen, auskundschaften.
Alle im Web ausgegrabenen Rohdiamanten, ob echt oder vermeintlich echt, stopfe ich gierig in mehrere Kisten aus robustem Word.

Schreibtisch, Sofa, Spülmaschine. Unkraut rupfen, Milch holen, Blumen wässern.

In dieser Übergangs-Phase hält es mich selten länger an einem Platz. Der gesamte Kisteninhalt wirbelt in mir durcheinander und macht sich Luft in Rastlosigkeit. Wehe dem, der meiner Launenhaftigkeit jetzt in die Quere kommt!

Die Muse streift kurz mein Kinn. Natürlich meistens zur Unzeit.

Stift und Block begleiten mich ins Auto, in den Supermarkt, zum Sport. Das Ende eines roten Fadens baumelt in der Ferne? Ich jage ihm nach, und zwar sofort. Manchmal weht ein kleines Textfragment an mir vorüber und schreckt mich auf. Verspüre ich diesen silbrigen Hauch der Muse, versuche ich krampfhaft, den Glanz zwischen die Finger zu bekommen. Wenn dann doch kein Stift zur Hand ist, flutscht mir das Fragment durch die Finger ins Off, und ich spüre allenfalls noch einen Kloß im Hals oder einen Mühlstein im Magen.

Wenn die Maloche mit der Muse, olalaaa!

Ich glaube an das Genie oder an eine Art göttlichen Diener-Geist (*) aus entfernten, unbekannten Gefilden. Kreativität besteht bei mir aber dummerweise zu dicken 95,38 % aus Arbeit und Disziplin. Fliegen mich dann tatsächlich jene zarten 4,62 % Inspiration an, überkommt mich ein erhabenes Gefühl zwischen Erfülltsein und Vollkommenheit.

So wie ich in meinen Mutteranfängen meine Babys euphorisch im Arm schaukelte, betrachte ich heute manche Text(ent)würfe. Denn wie ein glücklich glucksendes Baby ist ein gelingender Text zwar bis zu einem gewissen Grad steuerbar, aber eben nicht völlig planbar.

Bei allen Unsicherheiten, die die Arbeit des Textens zwangsweise hervorruft - die Freude über das Gelingen ist unheimlich und hat beinahe etwas Toxisches. Etwas, was süchtig macht.

(*) den Begriff hab` ich Elizabeth Gilbert geklaut.

geschrieben am 23.07.2010 um 11:09 Uhr.


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